Donnerstag, 11. September 2014

I Finanzierungsmodelle für Nachrichten: Crowdfunding – Krautreporter, Deepr

Was ist Crowdfunding?
(Alejandro Cremades, 09.06.2012) 
https://www.youtube.com/watch?v=OI-bTpbkH4Y
 
Wer eine gute Idee hat und zur Umsetzung dieser Startkapital benötigt, ist heutzutage nicht mehr zwangsläufig von Darlehen durch Banken abhängig. Crowdfunding-Plattformen machen es möglich ein Projekt oder Produkt vorzustellen, das durch Internetuser finanziert werden kann. Dabei bestimmt der Produzierende eine Mindestkapitalmenge, zu der jeder willige User einen Bruchteil beisteuert. Als Gegenleistung erhält der Finanzierende Sachwerte (z.B. eine Gratisausgabe eines zu finanzierenden Buches) oder auch ideelle Werte (z.B. die eigene Namensnennung im Abspann eines zu finanzierenden Filmes). Wird die Mindestkapitalmenge nicht erreicht, erhält die „Crowd“ ihr Geld zurück. Während des gesamten Prozesses stehen Produzent und „Crowd“ in engem Kontakt, da die „Investoren“ über den Verlauf der Aktion unterrichtet werden.


Logo von Krautreporter

Das Prinzip Crowdfunding ist im Jahr 2014 auch im deutschen Online-Journalismus angekommen. So berichtete Spiegel-Online im Juni vom Journalisten-Projekt Krautreporter. Ursprünglich handelte es sich dabei um eine Crowdfunding-Plattform für journalistische Projekte. Mittlerweile ist daraus ein eigenes Magazin entstanden, welches aber die ursprüngliche Crowdfunding-Plattform integriert hat, um weitere journalistische Projekte zu finanzieren. Dafür haben sich 25 Journalisten zusammengetan, die über Crowdfunding eine Millionen Euro sammeln wollten, um das Magazin ein Jahr lang finanziell abgesichert laufen lassen zu können. 

Eine Mitgliedschaft bei Krautreporter kostet 60 Euro, was der Vorauszahlung von einem Jahr entspricht bei fünf Euro, die das Online-Magazin im Monat kosten soll. Trotz der Bezahlbereitschaft der zahlreichen Unterstützer - im Juni wurde bereits die Marke von einer Millionen Euro überschritten - werden die entstehenden Artikel kostenlos im Internet zu lesen sein. Was hat in diesem Kontext eine Mitgliedschaft dann für einen Nutzen? Dazu heißt es auf der Homepage: Die Mitglieder „können die Texte kommentieren, haben Zugriff auf exklusive Inhalte, können die Seite bequemer nutzen, werden in Recherchen einbezogen, zu Krautreporter-Veranstaltungen eingeladen uvm.“

Krautreporter: Vom Leser finanziert
(15.05.2014, Beitrag des Magazins ZAPP, NDR/ARD)
https://www.youtube.com/watch?v=XQ-w97HaSTE

Die Reporter des werbefreien Magazins wollen gut recherchierten Qualitätsjournalismus liefern: „Der Online-Journalismus ist kaputt. Weil vielen Medien Klicks wichtiger sind als Geschichten. Weil niemand mehr den Überblick behalten kann, wenn die Welt nur noch in Eilmeldungen erklärt wird. Weil Werbung nervt, die umständlich weggeklickt werden muss. Weil sich auch in seriösen Online-Medien der Boulevard ausbreitet.“
Spiegel-Online zeigt sich gegenüber Krautreporter zwar als erwartungsfreudig, unterstreicht aber auch mögliche Schwachpunkte. So überwiegt deutlich der männliche Anteil von Journalisten im Team. Außerdem könnte ein Scheitern des Projektes nachhaltige Folgen haben für ähnliche Versuche in der Zukunft, für die dann möglicherweise das Vertrauen der User fehlt.

Logo von deepr
Nach der erfolgreichen Erstfinanzierung von Krautreporter, startete im Juni 2014 ein weiteres Online-Magazin. Deepr heißt das neue Projekt, welches ebenfalls ein Zeichen für die Entschleunigung des Journalismus' setzen will und gegen die Gratis-Mentalität im Internet ankämpft. Hierbei schlagen Journalisten Themen vor, die per PayPal mit einem Euro durch User finanziert werden. Sobald das Kapital für einen Artikel vorhanden ist, wird die journalistische Arbeit begonnen. Das Endprodukt wird im Anschluss nicht wie bei Krautreporter kostenlos zur Verfügung gestellt, sondern muss, sofern man nicht vorher bereits das Projekt mitfinanziert hat, durch einen Euro erworben werden. Die Einnahmen gehen hauptsächlich an die Autoren der Artikel, die Macher der Seite erhalten eine Provision. Jeder Beitrag soll auch auf Englisch übersetzt werden und auf jedem Endgerät lesbar sein. Außerdem soll jeder Artikel auf weiterführende (daher auch die Ableitung des Magazintitels aus dem englischen Wort „deep“) verweisen. 

Alle vier Gründer des Portals entstammen nicht aus der Medienbranche und sehen genau diesen Umstand als Vorteil an. Sie sind selber Leser, die wissen, was sie am Online-Journalismus mögen und was nicht. In diesem Sinne unterliegen sie nicht einem journalistischen Tunnelblick. Die Artikel selbst werden auch nicht von den Machern der Seite verfasst und auch nicht durch einen festen Stab von Journalisten. Vielmehr soll deepr ein offenes Portal für sämtliche Journalisten sein, die einen Artikel finanzieren und umsetzen möchten.
 
Deepr will sich ebenfalls werbefrei gestalten, um Unabhängigkeit zu wahren und eine intensive Beziehung zu den Lesern herstellen zu können. So wird es nur jene Artikel letztendlich geben, die die Leser auch wirklich lesen wollen, was sich am Unterstützungskapital berechnen lässt. 

Während in Deutschland noch mit Crowdfunding als Erlösmodell für journalistische Projekte experimentiert wird, ist man in den USA schon über diesen Punkt hinaus. Cory Haik, die Innovationschefin für Digital-Storytelling bei der Washington Post, wurde direkt zu Krautreporter von meedia.de befragt. Haik hält Crowdfunding als Finanzierungsmodell für Einzelprojekte sinnvoll, aber dennoch riskant. Um dauerhaft interessierte und zahlungswillige Leser zu gewinnen, braucht es hochqualitative und exklusive Inhalte, was im Bereich des investigativen, also sehr gut recherchierten Qualitätsjournalismus, Unsummen verschlinge. Haik betont, dass Crowdfunding in den USA kein großes Thema mehr sei. Immer noch sind viele journalistische Projekte von großen Investoren abhängig. 

Ob sich Krautreporter und Deepr in der Zukunft dauerhaft als entschleunigter Qualitätsjournalismus in der schnellen Nachrichtenwelt des Internets etablieren können, wird sich zeigen. Allerdings treten Fragen auf, die schon jetzt zur Diskussion gestellt werden könnten. Ansätze hierzu liefert der Journalist Stephen J. Berry: Kann wirklich journalistische Objektivität sichergestellt werden, wenn Reporter prinzipiell ihre Themen selbst bestimmen können? Da Qualitätsjournalismus viel Zeit braucht, stellt sich die Frage, wie geduldig und treu Leser sein können in Konkurrenz zu digitalen Online-Tageszeitungen. Kann die Qualität der Artikel sichergestellt werden, wenn die Reporter sich nicht nur auf einen Themenbereich oder eine Region spezialisieren? Investigative Projekte haben ihren Ursprung oftmals in der routinemäßigen Arbeit der Journalisten. 


Quellen und weiterführende Links:






Stephen J. Berry: Watchdog Journalism - the Art of Investigative reporting. Oxford Uni Press: Oxford, 2009. (Commerzbibliothek, ausleihbar)

Johannes Ludwig: Investigatives Recherchieren. 3. Auflage, völlig überarbeitet. UVK: Konstanz/München, 2014. (Commerzbibliothek, ausleihbar)

 
 
 


 

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