Dienstag, 11. November 2014

V Finanzierungsmodelle für Nachrichten: Bürgerjournalismus

Im Jahr 2000 startete ein interessantes Online-Nachrichtenportal in Südkorea. OhmyNews nennt sich die Plattform, die sich als Raum für citizen journalism versteht. Finanziert wird das Projekt zum großen Teil durch eine Art freiwilliges Crowdfunding. Besonders spannend für unsere Reihe zu Online-Nachrichten gestaltet sich dieses Geschäftsmodell deswegen, weil es citizen journalism als Produktionsmethode mit Crowdfunding als Erlösmodell verbindet.

 
Rory O'Connor Reports from the OhmyNews Conference 
(06.08.2007, Beitrag übernommen von Listening Post,Al Jazeera)  
https://www.youtube.com/watch?v=PaVzMA8-pcI 

Im Bürgerjournalismus werden die Leser zu Autoren und können somit an gesellschaftlichen Debatten teilhaben und ihre Meinung verbreiten. Das Grundprinzip ist somit äußerst demokratisch, quasi die absolute Möglichkeit eines Jeden zur Meinungsbildung- und verbreitung, was auch der Grund war, warum OhmyNews im Zuge der zunehmenden Demokratisierungsprozesse in Südkorea so erfolgreich war und national sowie international stark beachtet wurde und einen regelrechten Hype auslöste. Die Präsidentschaftswahlen 2002 wurden durch zahlreiche Beiträge beeinflusst und sollen sogar der Millennium Democratic Party zum Sieg verholfen haben.

Im Team von OhmyNews arbeiten rund 60 Profis, welche aber nur 20% des Webinhaltes produzieren. Der Hauptteil der Artikel wird von ca. 41.000 registrierten Bürgerreportern verfasst. Dabei entstehen im Schnitt etwa 200 Texte pro Tag, die von der Redaktion geprüft werden und schließlich rund Zweidrittel aller Beiträge veröffentlicht. Die besten Artikel erscheinen samstags in einer Printversion. Zu Bestzeiten wurde OhmyNews über zwei Millionen mal am Tag aufgerufen. 

Die Seite finanziert sich hauptsächlich durch Werbeanzeigen, wobei es den Usern trotzdem freisteht, für die Artikel einen selbstgewählten Betrag zu zahlen. Im Laufe des Ausbaus von OhmyNews wurden Journalistenschulen gegründet sowie Konferenzen veranstaltet.

Bald verließ das Erfolgsrezept das Land und es entstand 2004 eine internationale Version in englischer Sprache sowie 2006 eine japanische Variante. Zweitere wurde aber bereits 2008 wieder eingestellt, angeblich aufgrund enormer Kritik gegenüber den festangestellten Journalisten, welche laut Aussage eines Users bis zu 300.000 Dollar jährlich verdienten, wohingegen die Bürgerjournalisten pro Artikel 2,8 Dollar bekämen. 

Schwierigkeiten in Südkorea stellten sich ab den Jahr 2009 ein, da durch die Werbekrise erhebliche Verluste entstanden. Gerade die Werbeanzeigen seien aber wichtig, laut OhmyNews -Gründer Oh Yeon-ho, weil sie 70 bis 80 Prozent der Einnahmen ausmachen, wobei im Gegensatz dazu, das freiwillige Crowdfunding-System nur fünf Prozent zu den Gesamteinnahmen beisteuert. Aussagen über die Art der restlichen Einkünfte, trifft Oh Yeon-ho nicht, sodass die genaue Zusammensetzung der Gesamteinnahmen unklar bleibt. 

Letztendlich wurde OhmyNews 2010 in einen Blog umgewandelt, da die Menge der eingereichten Artikel kaum noch zu bewältigen und verifizieren war, sodass für die Inhalte von Seiten der Redaktion keine Verantwortung mehr übernommen werden konnte. Zusätzlich stellte sich die von Oh Yeon-ho gewünschte erhöhte Bezahlbereitschaft der User nicht ein.


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Mittlerweile versucht man auch in Europa Bürgerjournalismus zu etablieren. So startete 2011 in den Niederlanden das Internetportal dichtbij, welches zur Telegraaf Media Group, eines der größten Medienhäuser des Landes, gehört.

Die Website versteht sich als Netzwerk zwischen lokalen und hyperlokalen News und umfasst inzwischen 46 von 86 Regionen der Niederlanden. Hyperlokal bedeutet in diesem Zusammenhang, dass das Erscheinungsbild des Portals in allen Regionen gleich ist, aber die Inhalte auf den jeweiligen Bezirk angepasst werden. Als nationales Trauerereignis ereignete sich der Absturz des "Malaysia-Airlines-Flugs 17" im Juli 2014 in der Ukraine. So wie sämtliche niederländische Medien, nahm auch dichtbij den Vorfall zum Anlass für eine ausführliche Berichterstattung. Dabei informierte dichtbij hyperlokal, indem über die Hintergründe der fast 200 niederländischen Opfer aus ihren jeweiligen Regionen berichtet wurde.

Das Team besteht aus 30 festangestellten Redakteuren sowie etwa 60 freie Journalisten. Sie liefern eigene Artikel, fungieren aber gleichzeitig auch als Community-Manager, die sich um die Beiträge der rund 130.000 registrierten Bürgerjournalisten kümmern und ihnen mit journalistischen Know-How zur Seite stehen. Journalist Bart Brouwers, der maßgeblich am Aufbau der Seite beteiligt ist, äußert sich im Interview dazu wie folgt: 

Die Information ist demokratisiert. Um als Journalisten weiterhin an diesen Informationen teilzuhaben und sie zu begleiten, müssen wir unsere Burgen zu Marktplätzen umbauen. Wir sind nicht mehr die Sender. Die Bürger haben Informationen und wollen sie teilen. Wir können unsere journalistischen Fähigkeiten einsetzen, um ihnen dabei zu helfen.“
 
Auf dichtbij.nl können sich Bürger und Politiker zu aktuellen lokalen Themen äußern. Beispielsweise wird diskutiert, ob Schwimmunterricht wieder obligatorisch an niederländischen Schulen eingeführt werden sollte – Lokalpolitiker legen Wert auf die Meinung der Bürger. Hier zeigt sich Demokratie im Mikrokosmos, nämlich im lokalen Geschehen. Brouwers meint dazu: 

„Es ist sehr einfach geworden, von überall auf der Welt Informationen zu bekommen. Aber je einfacher das ist, desto wichtiger wird auch die lokale Umgebung. Denn für mich ist vor allem das relevant, was um mich herum geschieht.“

In den Niederlanden erhält dichtbij viel Zuspruch und wurde nominiert für den Dutch Internet Journalism Award in der Kategorie Most Innovative Use of Internet for Journalism. Auch die Zahlen des Jahresberichts verweisen auf eine vielversprechende Zukunft des Portals. So verzeichnet die Website fast drei Millionen Besucher monatlich und wird über 17 Millionen mal angeklickt. Damit übertrumpft ditchtbij das „Mutterblatt“ De Telegraaf. Seit 2012 verfolgt man auch den Weg des „reverse publishing“, wobei in vier Regionen gedruckte Ausgaben mit einer Auflage von einer halben Million Exemplaren verkauft werden. 2013 wurden die Ausgaben zwar noch überschritten, trotzdem verzeichnete das Portal eine Umsatzsteigerung im Vergleich zum Vorjahr von 2,4 auf 10 Millionen Euro. Die Telegraaf Media Group profitiert auch stark von dichtbij. So stiegen 2013 die Einkünfte, die durch digitale Angebote erzielt wurden, um 11,6 Prozent auf 69,2 Millionen Euro.

Dichtbij finanziert sich zu 50 Prozent über Werbung, 10 Prozent der Einnahmen stammen aus Ticketverkäufen oder eigenen Veranstaltungen, die restlichen 40 Prozent speisen sich aus der Symbiose redaktionellen und kommerziellen Inhalts. So können beispielsweise Artikel über Produkte veröffentlicht werden, die dann vom Produkthersteller gekauft und weiterverwendet werden können. Weiter veröffentlicht dichtbij gesponserte Artikel, was bedeutet, dass Firmen sich einkaufen können, was man wiederum kritisch im Kontext eines eigentlich unabhängigen Portals sehen kann. Weitere Einnahmen entstammen aus dem Verkauf der Printversion. 

Bisher erweist sich dichtbij als erfolgreiche Form des Bürgerjournalismus'. Ohne ihn wären die Personalkosten wesentlich höher. Allerdings ist nicht bekannt, ob die Bürgerjournalisten für ihre Beiträge Geld bekommen. Ebenso wenig ist klar, inwiefern die Beiträge der Bürger bearbeitet werden beziehungsweise wie genau die journalistische Hilfe von geschultem Fachpersonal, wie es Brouwers im Interview erwähnte, aussieht. Daher kann nur durch den öffentlichen Erfolg des Portals gemutmaßt werden, dass die Bürgerjournalisten mit dem Konzept von dichtbij und dem Umgang mit ihren Artikeln zufrieden sind. Außerdem ist das Portal noch sehr jung und muss sich noch behaupten. Die frühe Awardnominierung entspringt vielleicht auch der Euphorie gegenüber dem neuen Portal. Es bleibt abzuwarten, ob dichtbij nicht eine ähnliche Zukunft wie OhmyNews bevorsteht. 
 
Im Gegensatz zu den bisher erfolgreichen niederländischen Kollegen, scheint die Entwicklungsgeschichte von OhmyNews eher negativ auszufallen. Die japanische Variante ist gescheitert und das englische internationale Pendant ist seit Ende 2013 inaktiv. Die aktuelle Situation in Südkorea ist nicht ermittelbar, da Quellen aus der jüngsten Zeit, zumindest außerhalb des koreanischen Sprachraums, nicht existieren.  

Prinzipiell lässt es sich darüber streiten, inwiefern Bürgerartikel wirklich als Nachrichtenjournalismus gewertet werden können. Die journalistische Qualität, vor allem im Bezug auf Recherche, sowie die Genre fallen sehr unterschiedlich aus. So ist es nicht zwangsläufig ersichtlich, ob es sich im Einzelnen um eine bloße Meinungsäußerung oder einen gut recherchierten Artikel handelt. Daraus entwickelt sich die Fragestellung, welche Schreibart als Nachricht verstanden werden kann und inwiefern dies das Selbstverständnis eines Nachrichtenportals prägt, was sich in unseren Fallstudien nicht eindeutig ermitteln lassen kann. Vielleicht entschieden sich die Macher von OhmyNews auch deswegen für das Format „Blog“, da es mehr dem Charakter des Bürgerjournalismus entsprach im Vergleich zu dem, was anerkannte Nachrichten-Portale bieten. Natürlich gibt es begabte Bürgerreporter oder die Möglichkeit das Handwerk in den hauseigenen Journalistenschulen von OhmyNews zu erlernen. Wenn aber wirklich jeder schreiben darf und immerhin Zweidrittel aller Beiträge veröffentlicht werden, so ist die Chance groß, dass die Artikel in ihrer Qualität sich extrem unterscheiden. Erwähnenswert ist außerdem, dass der Einfluss der Redaktion auf Bearbeitung und Auswahl der Bürgertexte nicht öffentlich bekannt geworden ist und prinzipiell in Portalen, die als äußerst demokratisch wahrgenommen werden, hinterfragt werden sollte.  

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Abschließend sei an dieser Stelle kurz auf die Arbeitsweise der Huffington Post als letztes Teilbeispiel zu digitalen Produktionsmodellen verwiesen. Auch wenn es sich hierbei nicht um klassischen Bürgerjournalismus handelt, ist das Prinzip des Nachrichtenportals ähnlich aufgebaut.

Die Huffington Post existiert seit Mai 2005 und wurde im Februar 2011 für 315 Millionen Dollar an AOL verkauft. Mittlerweile expandierte das Portal; unter anderem auch 2013 nach Deutschland. Hierzulande arbeitet die Huffington Post mit der Burda-Tochter Tomorrow Focus zusammen.

Der Erfolg der Onlinezeitung resultiert aus der Zusammenarbeit eines kleinen redaktionellen Teams und tausenden registrierten Bloggern. Hauptsächlich werden von ihnen keine neuen Nachrichtenartikel geschrieben, sondern vielmehr zu bereits existierenden verlinkt bzw. eine für die eigenen Leser aufbereitete Zusammenfassung erstellt. Durch die wirkungsvolle Vernetzung der Huffington Post, nicht zuletzt aufgrund der Prominenz und der persönlichen Kontakte der Gründerin Arianna Huffington selbst, besitzt das Portal laut FAZ eine enorme Reichweite, die die der New York Times weit übertrifft. Eigene Kolumnen und Artikel entstehen fast ausschließlich durch die hauseigenen Journalisten. 2012 erhielt die Onlinzeitung den Pulitzer-Preis. 
 
Als Blogger kann ein jeder fungieren. Selbst etliche Prominente aus der Politik, Medienbranche, Wirtschaft und des Showgeschäfts, haben bereits für die Huffington Post gebloggt. Kritisiert wird, u.a. vom Deutschen Journalisten-Verband, dass die etlichen Blogger kein Honorar für ihre Beiträge erhalten und keine Rechte an dem Veröffentlichten beanspruchen dürfen und somit ihre geistige Arbeit nicht weiterverwenden können. Die FAZ zitiert hierzu einen Kommentar John Coffees von der Columbia Law School: „Der Lohn besteht nicht in einer Zahlung, sondern in der Veröffentlichung.“
Die Leserschaft muss wiederum nichts für die Inhalte der Seite, die sich allein aus Werbeeinnahmen finanziert, bezahlen.  

Wenn wir nun zusammenfassend die neuen Online-Produktionsmodelle betrachten, wird deutlich, dass vor allem das Recherchieren und Schreiben von Artikeln zu großen Teilen ausgelagert wird. Tendenziell werden bei unseren Beispielen kaum noch Reporter mit festem Gehalt oder freie Mitarbeiter auf Honorarbasis angestellt. Die überwiegende Mehrzahl der Schreiber werden eher geringfügig an den Einnahmen beteiligt oder arbeiten gratis. Die Fixkosten werden damit drastisch reduziert. Die Vorabfinanzierung und das Risiko für die Produktion des Artikels liegt also vollständig beim Autor. Die Online-Zeitung stellt meist nur noch die Plattform für die Veröffentlichung, sammelt Werbegelder ein und stellt ein mehr oder weniger tiefgehendes Kuratieren der Beiträge sicher.



Quellen und weiterführende Links:

 

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