Montag, 26. Januar 2015

Public Relations: Nachrichtenwerttheorie

Täglich diskutieren Redaktionen darüber, welche Beiträge in ihren Zeitungen, Magazinen oder Sendungen veröffentlicht bzw. ausgestrahlt oder in Auftrag gegeben werden sollen. Dabei werden Redakteure mit einer enormen Bandbreite von lokalen, nationalen und internationalen Informationen konfrontiert, die es für das eigene Medium zu selektieren gilt. Diese Selektionsprozesse unterliegen meistens bestimmten Faktoren, welche eine Information publikationswürdiger als eine andere machen und als Erfolgsgaranten für eine weitreichende Rezeption in Kraft treten.


PR-Theorie: Was ist ein Nachrichtenwert?
(Nicolas Scheidtweiler, Scheidtweiler PR Agentur Bremen,29.12.2012)
https://www.youtube.com/watch?v=9jSaGrbu9X0 


Der Journalist, Philosoph und Medienkritiker Walter Lippmann verwendete erstmals den Begriff news value in seinem 1922 erschienenen Buch Public Opinion. Er konstatiert in diesem Kontext, dass „ohne Standardisierung, ohne Stereotypen, ohne Routineurteile, ohne eine ziemlich rücksichtslose Vernachlässigung der Feinheiten stürbe der Redakteur bald an Aufregung.“

Mittlerweile hat sich aus der Fragestellung nach der Publikationswürdigkeit von Informationen ein eigenes Forschungsfeld entwickelt – die Nachrichtenwerttheorie. Demnach bestimmen Nachrichtenfaktoren den Publikationswert einer Information, wobei die Regel gilt, je mehr Faktoren erfüllt sind, umso größer wird auch der Nachrichtenwert (Additivitätshypothese nach Johan Galtung und Mari Holmboe Ruge). In den USA überwiegt immer noch die Tendenz bei Medien- und Kommunikationswissenschaftlern, die Termini Nachrichtenwert und Nachrichtenfaktor synonym zu verwenden.

Dahingegen zeigt sich in der europäischen Forschungsgeschichte eine andere Ausprägung. Winfried Schulz legt 1976 in seinem Buch Die Konstruktion von Realität in den Nachrichtenmedien eine klare Trennung der beiden Termini fest. Michaela Maier, Karin Stengel und Joachim Marschall erklären in ihrem Einführungswerk zur Nachrichtenwerttheorie das Konzept von Schulz wie folgt:

„Demnach sind Nachrichtenfaktoren bestimmte Ereignismerkmale und durch ihre spezifische Kombination und Intensität erhält jedes Ereignis einen spezifischen Nachrichtenwert. Dieser Nachrichtenwert entscheidet darüber, ob ein Ereignis in der medialen Berichterstattung überhaupt verwertet wird und in welchem Umfang.“ Ferner sei der Nachrichtenwert messbar, z.B. durch die Länge des publizierten Beitrags oder seine Platzierung (Prime Time, Titelseite etc.).

Die Kommunikationsforscher Hans Mathias Kepplinger und Simone Christine Ehmig erweiterten die bisherigen Erkenntnisse zur Nachrichtenwerttheorie um das Zwei-Komponenten-Modell. Sie versuchen hierbei den Nachrichtenwert einzelner Nachrichtenfaktoren zu bestimmen. Maier, Stengel und Marschall erläutern dazu: 

„Sie gehen davon aus, dass sowohl die Merkmale der Ereignisse (Nachrichtenfaktoren) als auch der Nachrichtenwert, den jeder einzelne Nachrichtenfaktor für ein spezifisches Medium hat, die Nachrichtenauswahl bestimmen. Sie argumentieren, dass davon auszugehen sei, dass bestimmte Nachrichtenfaktoren z.B. für Boulevardzeitungen wichtiger seien als für Qualitätszeitungen. (…) Wenn man weiß, welchen Nachrichtenwert die einzelnen Faktoren haben, kann man mit Hilfe dieser Maßzahlen prognostizieren, ob über ein Thema in den Medien berichtet werden wird und mit welcher Aufmerksamkeit.“ 

Alle bisherigen Überlegungen zur Nachrichtenwerttheorie charakterisieren sich als Kausalmodelle, was bedeutet, dass die Nachrichtenfaktoren eines Ereignisses dessen Nachrichtenwert bestimmen. Joachim Friedrich Staab entwickelt zudem ein Finalmodell, welches ausdrückt, dass teilweise erst durch die Journalisten selbst die Nachrichtenfaktoren geprägt werden, indem bestimmte Spezifika besonders hervorgehoben werden und demnach „zielgerichtete Handlungen“ sind, die durch persönliches Interesse der Journalisten bzw. Redaktionsleitlinien gesteuert werden, anstatt sich alleine auf die immanenten Merkmale von Ereignissen zu stützen.

Eine Liste der wichtigsten Nachrichtenfaktoren kann hier nachgelesen werden.

Neben der Nachrichtenwerttheorie, die sich auf die Merkmale von Ereignissen selbst fokussiert, gibt es noch weitere Ansätze zu journalistischen Selektionsprinzipien. Die Gatekeeping-Forschung untersucht vor allem subjektive journalistische und redaktionelle Strukturen, durch die erst eine Information zur Nachricht wird. Des Weiteren untersucht das News-Bias-Konzept inwiefern Redaktionen durch äußere Umstände voreingenommen sind, wie z.B. durch Nähe zu politischen Parteien. Forschungsbeiträge im Rahmen des Agenda-Settings weisen auf den Einfluss der verschiedenen Medien bezüglich der öffentlichen Meinung hin. So spielt teilweise die Häufigkeit einer Nachricht innerhalb der Medienlandschaft eine größere Rolle als die ihr zugrunde liegenden Nachrichtenfaktoren. Als letztes sei das Framing genannt, das nicht nur aufzeigt worüber die Öffentlichkeit diskutiert (Agenda-Setting), sondern auf welche Art dies geschieht und wie die Interpretation des Rezipienten durch Journalisten geprägt wird.


Quellen:

Walter Lippmann: Public opinion. New York: MacMillan, 1922.

Johan Galtung und Mari Holmboe Ruge: The structure of foreign news. The presentation of the Congo, Cuba and Cyprus crisis in four Norwegian newspapers. In: Journal of Peace Research, 2, 1965. S. 64-91.

Michaela Maier, Karin Stengel, Joachim Marschall: Nachrichtenwerttheorie. Baden-Baden: Nomos, 2010. (Hg.: Patrick Rössler, Hans-Bernd Brosius: Konzepte. Ansätze der Medien- und Kommunikationswissenschaft. Bd. 2).

Mathias Kepplinger, Simone Christine Ehmig: Predicting news decisions. An empirical test of the two-component theory of news selection. In: Communications, 31, 2006. S. 25-43.

Joachim Friedrich Staab: Nachrichtenwert-Theorie. Formale Struktur und empirischer Gehalt. Freiburg/München: Alber Broschur, 1990.

Winfried Schulz: Die Konstruktion von Realität in den Nachrichtenmedien. Analyse der aktuellen Berichterstattung. Stuttgart: Alber Broschur, 1976.


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