Freitag, 20. Februar 2015

I Klassische Dramaturgie: Aristoteles' Poetik

Fast alle erzählende Genres, seien es Literatur, Film, Oper, Games oder aber auch journalistische Texte, bedienen sich verschiedenartiger Spannungsbögen, um Rezipienten ein Höchstmaß an fesselnder Ästhetik zu liefern. Modernen dramaturgische Konzepten wie Syd Fields Drei-Akt-Modell, der Heldenreise nach Campbell oder den Ideen von Robert McKee liegen Jahrhunderte alte Theorien zugrunde. Daher soll in einer kleinen Artikelserie auf die wichtigsten historischen Konzepte der klassischen Dramaturgie eingegangen und auf die immer noch anhaltende Verwendung und Weiterführung verknüpfend hingewiesen werden.

Alles begann mit Aristoteles...

Büste von Aristoteles, römische Kopie nach griechischem Bronze-Original von Lysippos, um 330 v. Chr.
http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/a/ae/Aristotle_Altemps_Inv8575.jpg



Die Ursprünge des europäischen Dramas reichen bis ins 5. Jahrhundert v. Chr. zurück. Zu der Zeit etablierte sich alljährlich im Frühling in Griechenland ein Fruchtbarkeitsfest zur Huldigung des Gottes Dionysos. Die festlichen Umzüge wurden von Sängern begleitet, die als Böcke verkleidet waren und Chorlieder aufführten. Zu diesen Bockgesängen gesellte sich später ein Erklärer, der die schwierigen Gesänge für das Publikum entschlüsselte. Auf diese Weise ließ sich ein inhaltliches Spannungsverhältnis zwischen Chor und Erklärer etablieren. Im Laufe der Zeit wurden neben dem Erklärer noch weitere Figuren von den Spielleiter der Feste eingeführt. So entstanden zunehmende Interaktionen zwischen den Figuren, sodass man nun von inszenierten Handlungen, die von Schauspielern ausgeführt werden, sprechen kann.

Etymologisch sind jene antiken Beginne des Dramas immer noch in unseren Sprachgebrauch präsent. Das Wort „Tragödie“ leitet sich aus dem griechischen Begriff „tragodia“ ab, was Bocksgesang bedeutet und auf die als Böcke verkleideten Sänger des Chores verweist. Dahingegen leitet sich „Komödie“ vom griechischen „komos“ ab, was etwa „singender Umzug“ bedeutet und auf den feierlich-fröhlichen Maskenumzug bei der Dionysosfeier anspielt.

Aristoteles verfasste im 4. Jahrhundert v. Chr. die erste bzw. die älteste überlieferte „Poetik“ und definiert dabei das Drama als Gegenpol zur Epik. Laut Aristoteles sind sowohl Epik als auch Dramatik mimetische Gattungen, die eine Realität erschaffen, in die sich der Zuschauer durch empathische Teilnahme so sehr einfühlen kann, dass sie ihm real erscheint. Der strukturelle Unterschied liegt allerdings darin begründet, dass das Drama als Bühnengeschehen in direkter Rede stattfindet. 

Weiterführend untergliedert Aristoteles das Drama in Tragödie und Komödie. Seine Ausführungen zur Komödie sind nicht überliefert, fest steht aber, dass in einer Komödie „schlechtere Menschen“ nachgeahmt werden, was im damaligen Verständnis bäuerlichen Figuren entsprach. Dahingegen werden in einer Tragödie „bessere Menschen“, also göttliche und adelige Figuren nachgeahmt. Hier wird bereits das qualitative Gefälle zwischen Tragödie und Komödie etabliert, welches erst im 18. Jahrhundert durch die Aufhebung der Ständeklausel allmählich abgeschafft wurde. 


Als grundlegende Merkmale der antiken Tragödie gelten die Handlung (Mythos), die Charaktere (Ethe), die Sprache (Lexis), die Schau (Opsis), der Gedanke bzw. die Absicht (Diánoia) und der Gesang (Melopoiia).

Das wichtigste strukturelle Mittel der Tragödie ist seine innere Geschlossenheit, welche durch die drei Einheiten gesichert wird. Dazu gehören eine geschlossene Handlung, die weitestgehend auf Nebenhandlungen und unrealistischen Darstellungen verzichtet. Außerdem soll die Handlung einen Glücksmoment darstellen, der durch einen Wendepunkt (Peripetie) ins Unglück verkehrt wird. Das bewusste oder unbewusste fehlerhafte Handeln des Protagonisten/Helden soll den Zuschauer an seine eigene Fehlbarkeit erinnern. Weiter soll sich die Handlung innerhalb eines Tages abspielen und keine größeren Zeitsprünge aufweisen. Ebenso soll das Geschehen bestenfalls nur an einer Örtlichkeit stattfinden.

Letztendlich soll die antike Tragödie nach Aristoteles den Zuschauern Empathie für die Figuren, vor allem für den Held, ermöglichen, sodass das Dargestellte nachvollziehbar und auf die eigene Empfindungswelt übertragbar ist. Durch das Erleben von Jammer/Rührung(Eleos) und Schrecken/Schauder (Phobos)soll die Reinigung (Katharsis) von selbigen Erregungszuständen gewährleistet werden, was den Grundgedanken von vernünftigem, fernab von emotionalem und unreflektiertem Handeln ausmacht.


Das erstmals durch Aristoteles dramatrugisch konzeptualisierte Mitgefühl der Zuschauer gegenüber den Darstellenden sowie die innere Geschlossenheit der Handlung, sind noch heute wichtige Grundpfeiler des Storytellings und finden sich unter anderem auch explizit in McKees Überlegungen wieder.




Quelle:


Aristoteles: Poetik. Griech./Dt. Hg./Üb.: Manfred Fuhrmann. Reclam: Stuttgart, 1994.

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