Freitag, 27. März 2015

IV Klassische Dramaturgie: Bürgerliches Trauerspiel

Im Zuge der Aufklärung gewann das Bürgertum zunehmend an sozialer Souveränität, was sich auch in der Theaterlandschaft bemerkbar machte. In Deutschland trieb besonders Gotthold Ephraim Lessing, selbst nicht adeliger Herkunft, die Entwicklung eines bürgerlichen Trauerspiels im Zuge der Bürgeremanzipation, voran. Er befreite bürgerliches Schauspiel von seinem stereotypen „pöbelhaften“ Charakter und etablierte es als hochwertige Theaterpraxis.

                                               Gotthold Ephraim Lessing: Emilia Galotti                                                http://de.academic.ru/pictures/dewiki/69/Emilia_Galotti_%28Lessing_1772%29_001.gif


Im bürgerlichen Trauerspiel sind nun Leidenschaften erlaubt, da sie am ehesten dem tatsächlichen emotionalen Handeln des Individuums entsprechen. Wirkliches Mitgefühl mit dem Dargestellten kann laut Lessing nur entstehen, wenn sich die Zuschauer komplett mit den Bühnencharakteren identifizieren können, was bei sittlichen und sich kontrollierenden adeligen Stereotypen nicht möglich ist. Folglich kam den antiken Helden auf deutschen Bühnen keine außerordentliche Beachtung mehr zu. Außerdem sollten die Figuren nicht mehr polarisiert dargestellt werden in per se böse oder gute Charaktere, sondern die vielschichtigen emotionalen Zustände, die in jedem Subjekt schlummern, sollen nun auf der Bühne ihren Ausdruck finden können. Nur so schien es möglich, Handlungen tatsächlich nachvollziehbar zu machen und ihren moralischen Gehalt an den Zuschauer zu vermitteln, da er so in der Lage ist das Gesehene auf sich selbst zu übertragen.

Diestarren Regeln der französischen Klassik wurden aufgebrochen: Die Figurenrede findet nur noch selten in Versform statt und die gehobene, teils sehr pathetische Sprache wird vereinfacht. Zudem ist es möglich mehrere Handlungsstränge einzuführen, die Zeit zu strecken oder Zeitsprünge einzubauen und mehrere Örtlichkeiten festzulegen. Eine Exposition, die den Zuschauer in die Handlung einführt, ist auch nicht mehr zwingend nötig.

Während in höfischen Komödien Bürger prinzipiell der Lächerlichkeit preisgegeben werden und somit eine stereotypische soziale Eigenschaft geprägt wird, sieht Lessing das Lächerliche als ein allgemein menschliches Charakteristikum an, welches in seiner Darstellung dem Zuschauer erlaubt einen leichteren Zugang zur Handlung und ihrer moralischen Bedeutung zu finden.

Als wichtigste Erneuerung im sozialen Kontext gilt die Abschaffung der bereits erwähnten Ständeklausel. Bürgerliche und adelige Charaktere spielen Seite an Seite und sprechen zumeist ohne sozial-kommunikative Schranken zueinander.

All diese Merkmale fasste der Germanist Volker Klotz unter dem Terminus „offenes Drama“ zusammen, ein Prinzip, was in heutiger Zeit fast ausschließlich für Dramen und Filme verwendet wird. Im Kontrast dazu stehen die auf antiker Praxis beruhenden „geschlossenen Dramen“. 

Thematisch lassen sich dem bürgerlichen Trauerspiel drei Phasen zuordnen:
  1. Konflikte zwischen Adel und Bürgertum: Emilia Galotti (Lessing), Kabale und Liebe (Schiller)
  2. Konflikte im Bürgertum selbst: Maria Magdalena (Hebbel) 
  3. Soziales Drama, Determiniertheit des Subjekts durch soziale Umstände: Woyzeck (Büchner), die Weber (Hauptmann) 

Quellen und weiterführende Links
Dramentheorie (wikipedia.org),13.01.2015, 13:08.
Dramentheorien (neumuenster.de)
Bürgerliches Trauerspiel (wikipedia.org), 27.01.2015, 10:04.
Uwe Spörl: Bürgerliches Trauerspiel (fernuni-hagen.de)
Bürgerliches Trauerspiel (litipedia.de), 27.02.2007.

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