Montag, 1. Juni 2015

IV CSR: The Walt Disney Company erhält 2006 den Negativpreis Public Eye Award


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Von 2000 bis 2015 fungierten die Public Eye Awards als Gegenkonferenz zum World Economic Forum (WEF) im schweizerischen Davos. Sie verstanden sich als kritisches Gegengewicht zu global agierenden Großkonzernen und bewerteten diese im Hinblick auf soziales und ökologisches Fehlverhalten. Die Negativpreise erhielten vor allem Energiekonzerne, Finanzunternehmen und Bergbaugesellschaften. Allerdings gewann 2006 auch ein großes Medienunternehmen den Public Eye Award und wurde somit in die Hall of Shame aufgenommen: The Walt Disney Company.


Weltweit tätige zivilgesellschaftliche Organisationen konnten Nominierungen bei der Jury des Public Eye Awards, welche aus Wirtschaftsethikern und Spezialisten aus Bereichen der Ökologie und des Sozialen, einreichen. Im Jahr 2006 zeichnete die Jury die Walt Disney Company in der Kategorie "Menschen- und Arbeitsrechte" aus und ging damit auf die Nominierung der NGO Students and Scholars Against Corporate Misbehaviour (SACOM) ein.

SACOM gründete sich im Juni 2005 in Hongkong und ging aus einer Studentenbewegung hervor, die für bessere Arbeitsbedingungen für Reinigungskräfte und Security-Personal der Universität eintrat. Vor allem kritisieren sie die mangelhafte Einhaltung sämtlicher internationaler Corporate Codes of Conduct bei Firmen, welche auf globale Kooperationen setzen. Aufgestellte Verhaltens-Kodexe von westlichen Konzernen bezeichnet SACOM als reine "PR-Übung".

SACOM Aktion gegen Apple http://sacom.hk/

Parry Leung, Mitglied bei SACOM, erklärt in seiner Rede zur Preisverleihung die Anschuldigungen gegenüber Disney. So wirft er der chinesischen Regierung vor, sich mehr um ihr Wirtschaftswachstum zu kümmern als um die Arbeitsbedingungen ihrer Landsleute, welche in die großen Städte im Süden des Landes ziehen, um in den westlichen Exportfirmen Anstellungen zu finden:

"Die Arbeits-Migranten der Zulieferbetriebe der Multis in der südchinesischen Provinz Guangdong erhalten nicht einmal den miminalen Schutz, der im chinesischen Gesetz festgeschrieben ist. [...] Ohne das Recht auf Streik, ohne Versammlungsfreiheit, Pressefreiheit und ohne das Recht, Kollektivveträge auszuhandeln, ist es für die chinesischen Arbeiterinnen und Arbeiter schwierig, mit kollektiven Maßnahmen für ihre Grundrechte zu kämpfen." 

Anlässlich der Eröffnung von Disneyland in Hongkong im Herbst 2005, untersuchte SACOM die Arbeitsbedinungen in vier Zulieferfirmen in der Region Guangdon. Laut Leung war es äußerst schwer die Betriebe ausfindig zu machen, da Disney seine chinesischen Partner nicht öffentlich benennt - eventuell um solche Kontrollen abzuwähren:

"Disney versäumt es, seinen eigenen Verhaltenskodex umzusetzen, etwa bei den Löhnen, der Anzahl der Arbeitsstunden, beim bezahlten Mutterschaftsurlaub und anderem mehr. So müssen die Arbeiterinnen und Arbeiter, die Disney-Kinderbücher und andere Produkte produzieren, an 6 bis 7 Tagen die Woche jeweils 10 bis 13 Stunden pro Tag arbeiten, also 60 bis 90 Stunden pro Woche. Sie erhalten nur zwischen 33 und 41 US Cents pro Stunde, was unter dem legalen Minimallohn liegt. Auch der Ansatz für Überzeit liegt weit unter dem legalen Tiefstlohnstandard. In gewissen Fabriken werden den Frauen ihre legalen Mutterschafts-Rechte abgesprochen. Untergebracht sind die Arbeiterinnen und Arbeiter in Schlafsälen, 8 bis 12 Personen pro Raum, in zweistöckigen Kajütenbette die Räume sind rund 20qm gross."

SACOM bemängelt neben der begutachteten Arbeitsbedinungen, dass den Arbeitern sämtliche Rechte zur demonstrienden Selbstorganisation versagt werden, es gibt kein Mitspracherecht. Folglich entpuppe sich der Verhaltenskodex von Disney als Farce, da die Arbeiter keine Möglichkeit haben ihn zu überwachen. Zusätzlich gestaltet der Medienkonzern sein wirtschaftliches Verhalten und Handeln nicht transparent, sodass es schier unmöglich erscheint, herauszufinden inwiefern er zu den Anschuldigungen Stellung bezieht.

Als Lösung zur Bewältigung der Missstände, fordert SACOM die Durchführung von Workshops in den Betrieben, bei denen die Arbeiter "im praxisbezogenen Rahmen den Umgang  mit ihren Rechten am Arbeitsplatz" erlernen können. Ferner soll die Bildung von demokratisch gewählten Arbeiterkomitees gewährleistet werden.

Doch hängt die Zukunft der Arbeiterschaft in den Zulieferbetrieben nicht allein von Disney ab, die sozial-politischen Umstände Chinas spielen ebenfalls eine enorme Rolle. Kritisch beäugt Stephen Frost, einer der Gründer von csr-asia.com, SACOMs Argumentation:

“There’s a kind of strange arrogance in expecting Disney to fix this problem. It should play a role, but the real action is going to take place when Chinese consumers and Chinese investors ask [Chinese companies] what American investors ask of Disney.”

Nachdem die Anschuldigungen gegenüber Disney öffentlich wurden, lenkte der Konzern ein und nahm Stellung. Informationen hierüber lassen sich lediglich auf dem online-Portal von SACOM finden, was erneut die mangelnde öffentliche Transparenz Disneys unterstreicht. Auch wenn auf der Homepage von Disney eigens ein Bereich für die Berichterstattung über CSR-Aktivitäten eingerichtet wurde, sind hier konsequenterweise nur Positivbeispiele verzeichnet. Interessant und überzeugend wird eine CSR-Strategie und ein CSR-Marketing allerdings erst dann, wenn es in der Lage ist, sich auch in Krisenzeiten zu profilieren. Das bedeutet im Umkehrschluss dann auch, sich kritisieren zu lassen, die Fehler anzuerkennen und sie zu beheben, und zwar all das öffentlich transparent.

Dennoch ist das Umdenken und Umlenken bezüglich der chinesischen Zulieferbetriebe im Zuge der Kampanie von SACOM als positiver Schritt zu werten, wobei Disney erst reagierte nachdem die Peuples Solidaires-ActionAid France 2008 einen Artikel veröffentlichte, der sich auf die Berichte von SACOM berief. Nur wenige Wochen danach veröffentlichte Disney ein zweiseitiges Statement. Darin heißt es, dass sich Disney intensiver um die Einhaltung seines Code of Conducts in China bemühen möchte, indem der Konzern konstruktiver mit lokalen zivilgesellschaftlichen Organisationen vor Ort zusammen arbeitet. Zusammen mit jenen Verbänden wolle man die Arbeitsbedingungen der Zulieferbetriebe besser einschätzen und kontrollieren. Außerdem ließ Disney verlauten, dass für fünf von zehn Zulieferfirmen Verbesserungen erzielt werden konnten. Allerdings verweigerten fünf Betriebe Verbesserungsmaßnahmen, woraufhin Disney die Zusammenarbeit beendete. Wohin aber Disney die Produktion ausgelagert hat und ob die neuen Betriebe tatsächlich in der Lage sind den Code of Conduct des Großkonzerns zu erfüllen, ist nicht bekannt.    



Interview with Laura Rubbo (Walt Disney Director of Corporate Citizenship) 
3BL Media, Ethical Sourcing Forum 2012 


 Was hat sich allgemein bei Disney seit 2006 bezüglich des Ausbaus von CSR getan? Im Interview sagt die Verantwortliche für Corporate Citizenship bei Disney, dass der Konzern sich seit 1996 für "international labor standards" einsetzt. Laut Homepage wurde 2006 eine neue Abteilung bei Disney eigens für CSR gegründet, die es in einer solchen strukturierten Art vorher im Unternehmen noch nicht gab. Die Proteste SACOMs stammen aus dem selbigen Jahr, es ist aber nicht bekannt, ob man von einem Zusammenhang ausgehen könnte.

Mittlerweile findet nahezu monatlich ein CSR-Event von Disney statt, welches von Interessenten über die Homepage des Konzerns oder Twitter verfolgt werden kann. Die Palette ist dabei weitgefächert über Charity-Projekte und Spenden im sozialen Bereich sowohl in den USA als auch weltweit. Dazu kommen zahlreiche ökologische Projekte. Außerdem veröffentlicht Disney nun jährlich einen Bericht über sämtliche CSR-Aktivitäten. Im Jahr 2014 engagierte sich der Konzern vornehmlich in zwei Bereichen: "Act responsibly: Conduct our business and create our products in an ethical manner", "Inspire Others: promote the happiness and well-being of kids and families". Darunter fallen zahlreiche Unterkategorien wie beispielsweise "Responsible Supply Chain". Hier werden die Verbesserungen aufgelistet in Bereichen wie Kinderarbeit, Diskreminierung, Gesundheits- und Sicherheitsstandards am Arbeitsplatz sowie in den Schlafräumen und viele mehr.



Quellen und weiterführende Links

Webpräsenz der Public Eye Awards 

Webpräsenz SACOM 

Rede von Parry Leung: Auf der Suche nach dem Gewissen von Mickey Maus. 25.01.2006.  

Dawn Chmielewski: Disney taking heat over China. 11.03. 2008, 03:31. 

SACOM: “Looking for Mickey Mouse’s Conscience”. Response to Disney’s Statement. 20.11.2008, 22:27. 

The Walt Disney Company: Kerry Chandler named Senior Vice President of Corporate Responsibility for the Walt Disney Company. 29.11.2006. 

The Walt Disney Company: Citizenship

The Walt Disney Company: Citizenship Performance Summary 2014. 





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