Montag, 27. Juli 2015

Spiele-Meisterwerk: Journey

Journey erschien 2012 für die Playstation 3 und wurde im Juli 2015 für die Playstation 4 herausgegeben. Hinter Journey steck thatgamecompany, die insgesamt drei exklusive Titel für Sony entwickelt haben. 
Journey ist ein Meisterwerk und ein sehr gutes Beispiel dafür, wie ein Spiel als Kulturgut aussehen kann. Dabei schafft es die schwere Hürde sowohl spielerisch unterhaltsam als auch künstlerisch wertvoll zu sein - und das nicht nur in einem Aspekt. Es gibt einige Spiele, die an sich konventionell sind, aber durch herausragende Artdirektion, Soundtrack, Spielmechanik, Erzählweise usw. jeweils auch einen "Kunstwerkstatus" erreichen. Journey schafft dies in mehreren Kategorien und liefert ein rundes Gesamtwerk ab. Wie mit jedem Kunstwerk ist die Tiefe des Erlebten vom Spieler abhängig: Wer sich ganz auf das Spiel einlässt, wird in 3-4 Stunden eine tief bewegende Erfahrung machen.

Trailer des Spiels Journey für die 2012-Edition
youtube-kanal der Playstation.

Journey ist bei Kritikern extrem gut angekommen. Mit 92 Punkten (von 100) bei Metacritic gehört es zu den besten Spielen der Playstation. Der Soundtrack wurde 2013 sogar für einen Grammy nominiert. Nicht nur Kritiker lieben das Spiel: Journey wurde das am schnellsten verkaufte Spiel des Playstation-Networks.

Titelbild des Spiels Journey,
Quelle: Homepage von thatgamecompany

Inhalt

In Journey steuert man eine Figur, die in der Wüste zu sich kommt. Am Horizont scheint das einzige Ziel ein ferner Berg zu sein. Auf dem Weg zu diesem Berg löst man Rätsel, um zerstörte Brücken oder hohe Vorsprünge zu erreichen. Die Rätsel an sich sind sehr einfach und man wird behutsam an sie herangeführt. Man kann unterschiedlich an die Rätsel herangehen und zusätzliche Inhalte entdecken, wenn man es sich etwas schwerer machen möchte.


Immersion

thatgamecompany legen sehr viel Wert auf Immersion. In seinem Buch Drive: Was sie wirklich motiviert, stellt D. H. Pink Meisterschaft (untersucht im intro-Artikel zur Gamification), Selbstbestimmung und Sinn als zentrale Elemente heraus, um Motivation und im besten Fall Immersion zu erreichen. thatgamecompany haben mit dem Spiel flOw genau diese Mechanismen in ein Spiel verwandelt und ihre Erfahrung in Journey eingehen lassen.
Journey's Tutorial ist vielleicht 2 Minuten lang - man erfährt, welche Grundbefehle es gibt und wie man sich fortbewegt. Die geringe Anzahl von Befehlen erleichtert das Konzentrieren auf den Weg, der vor einem liegt. Bis zum Ende des Spiels gibt es keine weiteren externen Einblendungen - selbst die Spieler (immer nur einer), die man auf dem Weg trifft, haben keine Namen oder können sich außerhalb der spielerischen Befehle ("fliegen" und "Licht aussenden") nicht mitteilen. Dies trägt zum Empfinden der einsamen Weite und Stille der Spielwelt bei.

Hero's Journey

thatgamecompany nimmt sich nicht nur die Immersionsmechanismen vor, Journey ist eine Untersuchung des Monomythos'. Besonders deutlich wird dies, wenn man sich den Soundtrack anguckt: Die einzelnen Stücke heißen wie die Stadien des archetypischen Heldenplots. Im Hero's Journey Artikel haben wir die Anwendung des Mythos in Bezug auf das Spiel Journey analysiert. Der Monomythos ist kulturübergreifend als archetypische Heldengeschichte in uns verwurzelt. Die meisten Spieler werden instinktiv die Bedeutung der Ereignisse verstehen, die unsere kleine Spielfigur durchläuft.

Zwei Spieler
Quelle: Homepage von thatgamecompany

Mehrspieler-Modus

Journey ist wohl eins der pazifistischen Mehrspieler-Spiele. Man kann das komplette Spiel allein erleben, doch wenn man sich auf seine Mitreisenden einlässt, bekommt das Spiel eine zusätzliche Ebene. Es ist sehr ungewöhnlich, dass man in einer so einsamen Welt Mehrspieler-Passagen als positiv erlebt (z.b. bei der Myst-Reihe mit dem Experiment Uru von Ubisoft ging dies völlig daneben.) Es gibt Passagen, in denen man froh ist, nicht einsam in der Weite zu irren. Zusätzlich können sich die Figuren gegenseitig etwas mehr Kraft geben. In vielen Mehrspieler-Spielen werden unangenehme Spieler zu einem Störfaktor. In Journey hat man kaum Möglichkeiten, seinen Mitspieler wirklich zu "trollen". Das sorgt dafür, dass man sich eher freut, einen Mitreisenden, der gerade durch dieselbe Erfahrung geht, zu treffen. Erst ganz am Ende des Spiels, nach dem Abspann, erfährt man, wen man unterwegs getroffen hat.

Das Spiel hat einen hohen Wiederspielfaktor. Nachdem man es einmal gespielt hat, weiß man mehr über die Spielwelt und die eigene Bedeutung darin. Als erfahrenerer Spieler kann man nun seine schützende Hand über Neulinge legen, Geheimnisse der Welt untersuchen, versteckte Kreaturen und Storyschnipsel in Form von Wandgemälden finden.

Unterweltpassage
Quelle: Homepage von thatgamecompany


Artdirection

Ein teil der emotionalen Tiefe wird durch die phänomenale Artdirection erreicht; Zwischensequenzen unterscheiden sich qualitativ nicht von der ingame-Grafik. Jede einzelne Einstellung (der bewusst gewählten Kameraeinstellungen) kann man als Screenshot abspeichern und als Kunstwerk ansehen. Der einfühlsame, abwechslungsreiche und emotional stark geladene Soundtrack färbt jeden Abschnitt des Weges noch einmal besonders ein. Trotz dieser cineastischen Herangehensweise hat man in Journey genug Freiheit, sein eigenes Tempo und seine eigene Richtung vorzugeben (auch wenn man bei weitem Abweichen vom Spielpfad von Gegenwinden zurück in die richtige Richtung gedrückt wird.) Man hat also nicht das Gefühl, durch einen hübschen Film gezogen zu werden, sondern wirklich selbst die Geschichte zu erspielen.
Journey ist ebenfalls ein Spiel, das durch seine kluge grafische Vereinfachung und den sorgfältig geplanten Stil gut altert. Fast alle Objekte sind so gestaltet, dass sie sich nicht Beißen: Wichtige Elemente wie die Spielfigur sind ebenfalls behutsam auf geometrische Formen gekürzt wie große Gebäudestrukturen, die mit ihrer niedrigen Polygondichte die Hardware nicht in die Knie zwingen. Mehr Detail ist auch gar nicht notwendig, um die Geschichte zu erzählen. Technische Einschränkungen wie verringerte Sichtweite werden klug mit Verdunkelungs-, Sandsturm- und Nebeleffekten kaschiert, die man in erster Linie als Teil der Welt und nicht als Notlösung wahrnimmt.

Landschaft im Spiel Journey
Quelle: Homepage von thatgamecompany


Journey ist für sämtliche Spieler-Erfahrungsgrade geeignet. Die Spielmechanismen sind so überschaubar, dass ein Anfänger die langsam kniffliger werdenden aber niemals bestrafenden Rätsel gut meistern kann, während ein sehr erfahrener Spieler schnell zu den optionalen Spielinhalten wie zusätzlichen Belohnungen greifen kann. Kein Playthrough ist wie der vorige - durch die Mitspieler, die man trifft und die Schätze, die man finden kann. Und als Kirsche auf dem Sahnehäubchen erlebt man während des Spiels eine emotionale Fahrt über tief in uns verwurzelte Ängste und Freuden, welche die Perspektive auf das eigene Leben verändern können.

Journey ist ein Meisterwerk und wird es dank der klugen Regie und Artdirection noch viele Jahre bleiben.


Quellen. Alle aufgerufen vom 24-26.07.2015

https://de.wikipedia.org/wiki/Journey_(Computerspiel_2012)
http://www.ign.com/articles/2012/03/29/journey-becomes-fastest-selling-psn-game
http://thatgamecompany.com/games/journey/
http://www.zeit.de/digital/games/2012-03/journey-game
http://www.metacritic.com/game/playstation-3/journey




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