Dienstag, 18. August 2015

PR: Twitter-Kommunikation deutscher Politiker

Twitter hat die deutsche Politik erreicht. Manche Politiker twittern viel, andere weniger und manche nur in bestimmten Kontexten. Einige reagieren direkt auf Bürgerinitiativen, manche twittern lieber parteiintern. Aus diesen Beobachtungen lässt sich kein konkretes Bild der politischen Twitterkommunikation zeichnen. Wie soll es auch möglich sein aus Big Data spezifische Kommunikationsmuster zu erstellen? Die Medienwissenschaftler Michael Klemm und Sascha Michel zeigen wie's geht.

 
Bundestagswahlen 2013 - Die Verwendung von Social Media  
Universität St. Gallen: Interview mit Prof. Dr. Miriam Meckel, 12.09.2013

In ihrem Aufsatz  Big Data – Big Problems? Zur Kombination qualitativer und quantitativer Methoden bei der Erforschung politischer Social-Media-Kommunikation erklären Michel und Klemm, dass die Sozialen Medien in ihrer Analysierbarkeit „neue theoretische und methodische Herausforderungen“ erzeugen. Die Daten gestalten sich als höchst dynamisch, vernetzend und setzen sich über raumzeitliche Grenzen hinweg. Daher reichen makroanalytische Untersuchungen nicht aus und es müssen qualitative und quantitative Vorgehensweisen miteinander verknüpft werden. Bei automatisierten Verfahren ist Vorsicht geboten, da sie kommunikative Spezifika wie beispielsweise Ironie und Sarkasmus nicht identifizieren können.

Qualitative Textanalysen können auf der Mikroebene kontextsensible Ergebnisse erzielen, aber keine großen Datenmengen auswerten. Letztendlich muss die Analyse der Makroebene mit der Untersuchung der Mikroebene quantitativ sowie qualitativ verbunden werden.


Klemm und Michel formulieren inhaltliche Fragen, mit Hilfe derer die einzelnen Ebenen untersucht werden sollen [Auszug]:
  • „Wie und wozu verwenden Politikerinnen bzw. Politiker und Bürgerinnen bzw. Bürger das Social Web – in politischen Diskursen, aber auch (inszeniert) privat?
  • Wie verändert sich das Social-Media-Handeln von Politikerinnen und Politikern über einen längeren Zeitraum hinweg?
  • (Wie) Reagieren Politikerinnen und Politiker in Twitter auf öffentlich diskutierte politische Krisen bzw. Imagekrisen?
  • Wie beeinflussen Wahlkämpfe das Twitterverhalten, quantitativ wie qualitativ?
  • Welche Schlagwörter/Themen/Frames sind in einem Social-Media-Diskurs besonders verbreitet?
  • (Wie) initiieren Politikerinnen und Politiker oder auch Bürgerinnen und Bürger Diskurse in Sozialen Medien? Welche Prinzipien führen zur verstärkten Beachtung dieser Diskursimpulse?"
Im Internet findet man, zum Teil kostenlose, Social-Media-Montoring Tools (Topsy, Hootsuite, Twitonomy), welche persönliche Nutzerdaten auslesen können: Follower, Anzahl der Tweets/Retweets, zeitliche/geografische Verteilung etc. Ferner ist es möglich, die Gewichtungen einzelner Schlagwörter, Hashtags sowie der @-Funktion zu kristallisieren. 

Gesondert untersuchen Klemm und Michel die Twitteraktivitäten des SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel. Eine erste quantitative Analyse erfolgt mit Twitonomy:  Plötzlicher Anfang und plötzliches Ende der Twitterkommunikation (3.05.2012-29.10.2013), 1.861 Tweets insegesamt. Das abrupte Ende hängt mit der Beendigung des Wahlkampfs und der Ernennung zum Vizekanzler zusammen. Die Tweets wurden zeitlich unregelmäßig verfasst, am Anfang waren es bis zu 130 Tweets am Tag, was aber schnell abnahm. Dennoch gab es immer wieder mal Höhepunkte von bis zu 80 Tweets pro Tag.

Die genauen Umstände dieser Höhepunkte werden allerdings erst durch eine qualitative Analyse deutlich. Es zeigt sich, dass jene Höhepunkte an zwei Twitterviews (eine Art Bürgersprechstunde) und die TV-Duelle im Bundestagswahlkampf 2013 gekoppelt waren.

Weiter werten Klemm und Michel neben der Verlaufs- auch die Interaktionsdaten aus. Da ein Drittel von Gabriels Tweets weitergeleitet wurde, kann er als Multiplikator gesehen werden. Er selbst leitete aber kaum etwas weiter, weniger als drei Prozent, die wiederum vorzugsweise aus der eigenen Partei stammten. Der SPD-Politiker erreichte eine Followerzahl von knapp 45.000, was deutlich über dem Durchschnitt hinsichtlich anderer Bundestagsabgeordneten liegt. Er selbst folgte aber nur 184 Personen, die fast ausschließlich aus den Kreisen der SPD stammten.

Gabriel twitterte in über 70 Prozent der Fälle direkt an Personen, darunter viele Bürgerinnen und Bürger, die fernab der Parteipolitik standen. Folglich stand er beständig in Kontakt mit sogenannten „Normalbürgern“. An groß angelegten via Hashtags bestehenden Debatten beteiligte er sich nur in 50 Tweets, vor allem im Kontext selbst geschaffener Hashtags wie #fragsigmar oder #tvduell.

Das bisherige gesammelte Material bleibt ohne weitere Textanalyse inhaltlich unbrauchbar. Aussagen über Sprachstil, kommunikative Funktionen und Themen lassen sich nur interpretativ auf der qualitativen Mikroebene treffen. Es ist unmöglich solche Feinheiten mit automatisierten Untersuchungsverfahren zu entschlüsseln. So erläutern Klemm und Michel, dass Gabriels Sprachstil „häufig umgangssprachlich, impulsiv, direkt und pointiert war, was ihm einerseits Respekt in der Twittersphäre eingebracht, aber auch `Shitstorms´ ausgelöst (u.a. zum Thema Vorratsdatenspeicherung)“ hat.

Mit dem Tool Mentiomap kann gezeigt werden in welchen zeitlichen Kontexten Themen bzw. Hashtags mit Garbiel assoziiert werden. „So treten bei Gabriel im Mai 2013 politische Schlagwörter wie `Mindestlohn´ oder `Armutsbericht´ in den Vordergrund, die zum Kerngeschäft der SPD gehören, zudem `SPD-Bürgerkonvent´." Inhaltlich müssen solche Erkenntnisse abermals interpretativ-textanalytisch aufbereitet werden.

Schlussendlich stellen Klemm und Michel fest, dass deutsche Politiker und Politikerinnen, teilweise Gabriel miteingeschlossen, nicht alle möglichen Funktionen, die Ihnen in der Social-Media-Kommunikation zur Verfügung stehen, nutzen „– wie quantitative Auswertungen z.B. der Adressatenstruktur und Hyperlink-Frequenz zeigen.“ Meistens adressieren und mobilisieren die Sender Menschen aus ihrer eigenen Partei oder Wähler, die der Partei nahestehen, sodass die Kommunikationsplattform zum „Branchenmedium“ wird.

Auf der Seite der Bürger wird deutlich, dass die meisten nicht aufgrund politischer Interessen sich auf Politiker beziehen, sondern sie als Feld „der Selbstdarstellung und dem Spaß [an der] Community – oder dem öffentlichen Abbau von Politikfrust“ benutzen. Tatsächliche politische Themen werden von Bürgern eher als Parallelkommunikation betrieben, wie beispielsweise bei Stuttgart 21.

Zusammenfassend wird die zumeist nicht sonderlich dialogische Kommunikationsform zwischen Politikern und Bürgern deutlich, Social-Media dient eher als Plattform zur monologischen Verkündigung der eigenen Meinung: „eher Evaluation als Argumentation, eher Amüsement (mit der Ironie als typischer Interaktionsmodalität) als Räsonnement.“ Per se wäre aber genau dieses möglich, allein schon aufgrund der „Echtzeitkommunikation“ bei Twitter: „Politisches Handeln […] öffentlich sichtbar, auswertbar, kritisierbar; Bürger können sich unmittelbar an Diskursen beteiligen oder diese mittels Hashtags initiieren und Politikerinnen und Politiker dabei direkt adressieren.“

Ausdrücklich warnen Klemm und Michel davor, soziale Kommunikation allein durch Tools, also automatisierte Verfahren, zu analysieren. Quantitative Auswertungen können nur der erste Schritt in der Interpretationskette sein. Stilistische und inhaltliche Feinheiten müssen bisher immer noch in der textanalytischen Mikroebene interpretiert werden und dürfen nicht generalisiert betrachtet werden.



Twitter im Wahlkampf - Ehrlich, offen und authentisch  
(focusonline, 25.09.2009)





Deutlich wurde, dass Twitter in der politisch-öffentlichen Kommunikation eine immer wichtiger werdende Rolle spielt. Allerdings ist, wie der Videobeitrag von FOCUS zeigt, ebenso zu betonen, dass nur wenig Menschen überhaupt Twitter benutzen: „Laut Umfragen nutzen gerade mal fünf Prozent der Deutschen den Mikrobloggingdienst regelmäßig. Über 30 Prozent kennen Twitter überhaupt nicht.“ Folglich werden werden bisher nur wenig Menschen über Twitter erreicht. Es bleibt spannend, inwiefern und ob sich dieses Medium im Laufe der Zeit weiter in der politischen Kommunikation etabliert.


Quelle

Michael Klemm, Sascha Michel: Big Data – Big Problems? Zur Kombination qualitativer und quantitativer Methoden bei der Erforschung politischer Social-Media-Kommunikation. In: Heike Ortner, Daniel Pfurtscheller, Michaela Rizzolli, Andreas Wiesinger (Hg.): Datenflut und Informationskanäle. Innsbruck: university press, 2014. S. 83-98.


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