Montag, 19. Oktober 2015

Serious Games: Flucht

Darf man sich durch tragische, reale Begebenheiten unterhalten lassen?

Im Moment assoziieren wir mit einem Computerspiel Spaß. Zwar ist in den Köpfen vieler angekommen, dass Computerspiele weit mehr können, trotzdem greift man in seiner Freizeit in erster Linie für Unterhaltung nach einem Spiel. Auch von ernsten Filmen wünschen sich viele Zuschauer Unterhaltung - wir wollen mitgerissen werden, in die erzählte Welt eintauchen, um eine Erfahrung zu machen, selbst wenn diese tragisch ist.

Cloud Chaser Titelbild - Quelle: Cloud Chaser Presskit 04


Hier können Computerspiele die Nase vorne haben: Ein Spiel wird erst durch Interaktion lebendig. Die Erfahrung ist das, was der Nutzer mitnimmt. Unterhaltung kommt dabei nicht nur durch die narrativen Elemente - sondern häufig durch das eigentliche Meistern der Spielmechanik. Wie man Erfolg dabei definiert, ist grad bei ernsten Spielen vielfältig.


Genau wie bei großen Filmproduktionen benötigen die meisten Spiele eine gewisse Entwicklungszeit und können so selten unmittelbar auf aktuelle Ereignisse reagieren.
"Wir haben absichtlich nichts über real existierende Flüchtlingsbewegungen gemacht. Wenn es jeder verstehen soll, muss man eine universelle Geschichte erfinden. (Moritz Zumbühl in ZeitOnline, Game-Designer der schweizerischen Firma Blindflug, die hinter Cloud Chasers steckt.)
Wir stellen drei Serious Games vor, die sich mit Flucht, Überleben und Einwanderung beschäftigen.

Cloud Chasers (2015)


Trailer von Cloud Chaser

In dem Android-Spiel Cloud Chasers des Entwicklers Blindflug fliehen ein Vater und seine Tochter durch die Wüste. Sie hoffen, auf der anderen Seite des Ödlandes wieder ein Leben beginnen zu können. Ihre Wasservorräte sind knapp, sie benötigen gesundheitliche Versorgung. Mithilfe eines Gleiters kann die Tochter ihre Wasservorräte notdürftig auffüllen.
Auch wenn Cloud Chasers weit bunter ist, erinnert es an thatgamecompany's Journey: Weite Landschaften, das Wüstenszenario, ein einfühlsamer Soundtrack. Doch während man in Journey durch die Wüste an sich selbst den Monomythos erfährt, steuert man in Cloud Chasers zwei verletzliche Menschen durch eine erdrückende Endlosigkeit.
Kritiken an Cloud Chasers sind durchwachsen. Das Thema ist wichtig. Es ist nicht leicht, eine interaktive Erfahrung zu kreieren, die sowohl der Tragik gerecht wird als auch spielerisch lange genug fesselt, um die ganze Geschichte zu durchleben. Die Hintergrundgeschichte wird zum Beispiel eingeblendet statt direkt erfahren (irgendwo muss man schließlich kürzen), das Farbspektrum der tristen Welt ist überraschend bunt. Trotzdem lohnt sich Cloud Chasers - ein Serious Game, das sich eines aktuellen Themas universell nähert.

This War of Mine (2014)



Universell gelobt, eines der Preis-Abräumer Spiele des Jahres 2014 ist This War of Mine (Erschienen November 2014, 11-bit Studios). Man ist Zivilist in einer belagerten Stadt und muss sich und seine beiden Mitbewohner irgendwie durchbringen. Inspiriert von realen Berichten aus belagerten Städten - vom Zweiten Weltkrieg über den Bosnienkonflikt bis hin zum aktuellen Syrienkonflikt, wird dem Spieler anhand von Spracheinblendungen sichtbar gemacht, wie sich seine drei verängstigten Figuren fühlen. Man hat keinen Einfluss auf den großen Konflikt und muss harte Entscheidungen treffen - manchmal kann man nur eine Ressource besorgen: Nahrung oder Medikamente und fällt damit unweigerlich ein Todesurteil.
Kann so ein Spiel Spaß machen? Spaß ist nicht das Ziel des Spiels - Empathie für eine unbegreifliche Situation schon. Es gibt keine Highscores, aber so lange wie möglich in einer feindlichen Welt zu überleben und dabei andere durchzubringen, weckt Ehrgeiz und letztendlich sogar ein bisschen Freude über die Wasseraufbereitungsanlage, die man ganz alleine wieder hinbekommen hat.

Papers Please (2013)

Papers, Please ist ein Überraschungserfolg des Entwicklers Lucas Pope. 2013 erschien es auf Steam Greenlight und ist inzwischen für unterschiedliche Plattformen herausgekommen.


Im fiktiven Staat Arstotzka überprüft man die Papiere Einreisender. Die Optik ist reduziert, die Farben sind trist, die ganze Stimmung ist leicht... totalitär. Für jeden korrekt zugelassenen Einwanderer erhält man am Ende des Tages Lohn. Nur reicht der Lohn selten aus, um die eigene Familie zu versorgen. Außerdem werden die Auflagen immer komplizierter und entwürdigender. Das Spiel hat 20 unterschiedliche Enden - von unentdeckt eingelassenen Attentätern, die die Regierung stürzen bis hin zum Tod der eigenen Familie, weil man nicht genug Geld für die Grundversorgung verdient hat (und demnach als ineffektiver Bürger seinen Arbeitsplatz verliert).
Tatsächlich kann man bei Papers, Please Spaß haben: richtige Entscheidungen in sekundenschnelle treffen und Mechaniken meistern / abarbeiten, bis man merkt, was man da eigentlich entscheidet.

Der fiktive Staat Arstotzka ist nicht grad Deutschland, trotzdem kann man mit dem Spiel einen Eindruck darüber gewinnen, was an überfüllten Grenzen los ist. Man erfährt auch einiges über sich selbst: Hat man wirklich eine Wahl, Bestechung abzulehnen, wenn jeder um einen herum korrupt ist und die eigene Familie zu sterben droht?

Quellen:

http://www.zeit.de/digital/games/2015-10/cloud-chasers-fluechtlinge-games-virtual-reality (aufgerufen am 19. 10. 2015)

http://www.4players.de/4players.php/dispbericht/Allgemein/Test/37026/81410/0/Cloud_Chasers_Journey_of_Hope.html (aufgerufen am 19. 10. 2015)

http://www.4players.de/4players.php/spielinfo/Allgemein/35566/This_War_of_Mine.html (aufgerufen am 18. 10. 2015)

http://www.zeit.de/digital/games/2014-11/this-war-of-mine-antikriegsspiel-rezension (aufgerufen am 18. 10. 2015)

http://kotaku.com/the-making-of-a-very-different-kind-of-war-video-game-1560735762 (aufgerufen am 18. 10. 2015)

http://papersplea.se/ (aufgerufen am 17.10.2015)

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