Mittwoch, 25. November 2015

Thinking Through Images: Comics

Trotz Meisterwerken wie Maus und Persepolis, international gefeierten Comics für Erwachsene, haftet dem Medium Comic grad in Deutschland immer noch etwas Unseriöses an. Dabei ist im Zeitalter der Informationsflut das visuelle Transportieren von Ideen immer wichtiger. Im Überangebot an Informationen brauchen relevante Inhalte gute visuelle Aufhänger, um den Leser anzuhalten und einzuladen. Dabei geht es nicht nur um Aufmerksamkeit: Visuelle Kommentare oder gar eine komplett visuelle Umsetzung können dem Betrachter eine ganz neue Ebene der Idee nahebringen.

Der folgende Text nimmt starken Bezug auf das The Paris Reviews Interview mit Nick Sousanis vom 20.07.2015

Nick Sousanis, Ausschnit aus Upwards, Comicartikel für den Boston Globe, 24.05.2015


Nick Sousanis wehrt sich in seinem Werk Unflattening gegen die negative Einstellung, Comics eigneten sich nicht für die Darstellung akademischer Inhalte. Nach Sousanis reicht Sprache und das geschriebene Wort nicht aus, um menschliche Erfahrung gebührend festzuhalten. Das Bild ist dabei nicht als ökonomische Zusammenfassung von Fakten zu verstehen, sondern eine visuelle Notiz, welche über das geschriebene Wort hinausgeht. Um dieses Konzept zu beweisen, zeichnete Sousanis Unflattening - eine Dissertation über visuelle Wahrnehmung in Comicform.



Das Kunstwort Unflattening übersetzt sich grob in "Entflachen". Natürlich sind auch Texte nicht rein zweidimensional - je nach schreiberischer Fähigkeit und Aufnahme durch den Leser, gehen transportierte Ideen weit in die Tiefe. Dass man bewusst mit dieser Tiefe und Mehrschichtigkeit arbeiten sollte, ist eines von Sousanis' Anliegen.

Um ein Comic als Vehikel für Information zu nutzen, ist das  visuelle Erzählen nicht einfach nur eine andere Form für Text, sondern bewusst eine Erzählform, die sich stark von anderen unterscheidet und darin auch ihr Potenzial hat. "Talking Head Comics", werden dabei Comics genannt, in denen man einfach nur ein Portrait des Experten und eine große Sprechblase mit der Meinung des Experten füllt. Dafür muss man nicht zu einem Comic oder einer Illustration greifen. Die Idee des Experten jedoch statt in Worte in Symbole zu verpacken und sequenziell anzuordnen, gibt der ihr eine andere Dimension. In guten Comics wird (wie in guter Literatur generell) eine Handlung gezeigt und nicht beschrieben. Auch wenn Comics hier locker mit hoher Literatur mithalten können, gibt es bis jetzt jedoch nur wenige Comics, die sich akademischen und/oder Sachthemen widmen.

Also großen Einfluss nennt Sousanis hier das Comic-Standardwerk Understanding Comics von Scott McCloud (1993) und den Einfluss, den der erfolgreiche Schreiber Alan Moore (u.a. "Watchmen") auf die ganze Comicindustrie hat. Scott McCloud nutzt die Form des Comics, um eine Betrachtung über Comics zu schreiben - dabei geht es eher metaphysisch zu. So widmet er verstreichender Zeit - ein besonders wichtiges Mittel im Comicerzählen - viel Aufmerksamkeit. Während man im Text das Wort "Später" oder Zeitangaben hat, kann man verstreichende Zeit im Comic noch ganz anders darstellen.

Eine Motivation für akademische Inhalte in Comicform ist die größere Zugänglichkeit. Sousanis gab Auszüge aus seinem Dissertationscomic auf Konferenzen weiter - aber auch an Schulverweigerer, die zu seiner großen Freude den Inhalt ebenfalls verstanden, obwohl er sich mit komplexen Themen um Wahrnehmung und Visualisierung beschäftigt. Dabei kocht Sousanis die Ideen nicht auf ein einfaches Niveau herunter - sein Comic bietet aber mehr Anfangspunkte und lässt alternative Denkarten zu, um das Thema zu erkunden. Wo vorher eine Vokabelbarriere auftauchte, zählt nun die Aufmerkamkeit, die ein Leser seiner Sache widmet.

Einer der wichtigsten Unterschiede zwischen bildlichem und rein textlichen Erzählen, ist der Emotionsgehalt, den Bilder schneller transportieren. Kulturübergreifend gibt es mehr Interpretationsspielraum in Bildern und so finden viele Betrachter häufig mehr in einem Comic als der Zeichner hineingelegt hat - und damit auch vielschichtigere, alternative Herangehensweisen, wie es komplexen Themen gebührt.

Da im Sachbereich Comics noch nicht etabliert sind, bietet die visuelle Erzählung sofort eine andere Perspektive. Sousanis interessiert genau das: Dass wir auch gewohnte, nicht mehr hinterfragte Erfahrungen neu entdecken ohne dabei auf das zu Verzichten, was wir schon gelernt haben.

In seinen eigenen Worten kann man Nick Sousanis in diesem Podcast zu dem Thema hören:

Interview mit dem Autoren Nick Sousanis (englisch) von Blog Talk Radio with Steve Dahlberg, Mary Alice Long für den Podcast Creativity in Play


Quellen:

The Paris Review: Thinking through Images, an Interview with Nick Sousanis, 20.07.2015; aufgerufen am 21.11.2015

Harvard University Press: Unflattening von Nick Sousanis, aufgerufen am 22.11.2015

The Boston Globe: Upwards, nach Robert Frost von Nick Sousanis, 24.05.2015, aufgerufen am 22.11.2015

Spin, Weave and Cut, persönliche Hompeage von Nick Sousanis, aufgerufen am 23.11.2015

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