Freitag, 1. Juli 2016

Ethos, Pathos, Logos am Beispiel Donald Trump (von Janik Pahl)



Donald Trump Las Vegas (2016) by Gage Skidmore; Quelle: Wikimedia.org [1]
Aristoteles gilt bis heute als einer der bedeutendsten Philosophen und Begründer der Logik als Wissenschaft, sowie einiger weiterer Naturwissenschaften.[2] Er verfasste aber unter anderem auch drei Bände über die Kunst der Rhetorik, deren Lehren noch heute allgegenwärtig sind. Im ersten der drei Bände befasst Aristoteles sich mit den drei technischen Mitteln der Überzeugung: Ethos, Pathos und Logos.[3]

Nach Aristoteles müssen technische Mittel der Überzeugung vom Redner erzeugt werden. Bereits existierende Fakten wie Schwüre, Zeugenaussagen usw. dienen zwar ebenfalls der Überzeugung, können jedoch nicht durch den Redner innerhalb der Rede beeinflusst werden und gehören nicht zu den technischen Mitteln. Die drei technischen Überzeugungsmittel leiten sich aus den drei Bestandteilen einer Rede ab: Dem Redner, dem Publikum und der Sache, über die geredet wird. So kann eine Überzeugung in 1. dem Charakter des Redners, 2. dem emotionalen Zustand des Publikums und 3. dem Argument selbst wurzeln.[4]

Ethos

Die Überzeugung wird dadurch verwirklicht, dass der Redner als Charakter glaubwürdig erscheint. Das Publikum schließt aus seinem Vertrauen zum Redner, dass die von ihm vorgebrachten Behauptungen wahr oder richtig sind. Dieses Auftreten teilt Aristoteles wieder in drei Bestandteile ein. Zeigt der Redner Klugheit, einen tugendhaften Charakter und einen guten Willen, so kann die Glaubwürdigkeit seiner Aussagen rational nicht in Frage gestellt werden. Es geht darum, diesen Eindruck durch das Gesagte zu erzeugen. Der Redner muss diese Qualitäten nicht tatsächlich in seinem Charakter vereinen. Im Gegenteil, ein vorhandener Charakterzug gehört nicht zu den technischen Überzeugungsmitteln, da er zum Zeitpunkt der Rede bereits gegeben ist.[5] Auch Verweise auf eine gewisse Lebens- /Berufserfahrung oder formelle Bildung, z.B. durch Nutzung korrekter Grammatik und höheren Vokabulars gehören zum Mittel des Ethos.[6]

Pathos

Der Erfolg der Bemühungen des Redners, das Publikum von seinem Standpunkt zu überzeugen, hängt maßgeblich vom emotionalen Zustand des Publikums ab. Eine wütende Person wird über einen Sachverhalt ein anderes Urteil fällen als eine fröhliche oder traurige. Der Redner muss herausfinden, welche Emotion seinen Standpunkt zur Thematik am besten unterstützt, und diese im Publikum auslösen. Dazu muss er zuerst die Emotion definieren und verstehen, wie sie ausgelöst wird. Dann hat er Aspekte seiner Thematik zu identifizieren, die in genau dieser Weise wirken können und sie entsprechend darzustellen.[7]

Logos

Der Redner überzeugt mit Argumenten, also Logik und Vernunft. Der Redner bezieht sich auf Fakten, Statistiken, sowie historische und literarische Analogien.[8] Aristoteles zieht den Logos den anderen beiden Mitteln vor, sieht aber aufgrund der Schwäche vieler Menschen die Notwendigkeit, sich der anderen ebenfalls häufig zu bedienen.[9] Logische Argumentationen rufen in Menschen eine weit weniger intensive Reaktion hervor als emotionale.[10]

Anwendung heutzutage

Das Prinzip von Aristoteles’ Rhetorik wird bis heute von vielen Rednern genutzt.[11] Das Muster von Ethos, Pathos, Logos ist auf nahezu alle Redesituationen anwendbar. Dennoch bleibt die Einschätzung des Aristoteles meiner Ansicht nach aktuell: Logos findet in den meisten Diskussionen weniger Aufmerksamkeit. Die Medienlandschaft zeigt, dass Empörungen und reißerisch aufbereite Themen am Besten funktionieren, wenn es darum geht, die Aufmerksamkeit möglichst vieler Menschen zu erregen. Werden die Statements zu kontroversen oder emotional aufgeladenen Themen von Menschen gemacht, die sich scheinbar mit der Materie auskennen, wird oft sehr schnell Vertrauen und Befürwortung aufgebaut. Scheinbar simple Lösungen zu vom Redner angstgeladenen Problemen bewirken eine hohe emotionale Verwicklung.[12] Dabei entsteht ein Schein-Logos, indem der augenscheinlich qualifizierte Urheber der Nachricht als Beleg genug, und eine Behauptung als Argument wahrgenommen wird. Pathos auf der Grundlage von Ethos wird sozusagen als Logos-Ersatz hingenommen.

Dass dies funktioniert, zeigen die Zustimmungswerte Donald Trumps[13] im derzeitigen Vorwahlkampf der Republikaner um die Spitzenkandidatur für die anstehende Wahl des Präsidenten der Vereinigten Staaten. Ich werde seine Rede zum Iowa Freedom Summit vom 24.01.2015[14] im Folgenden herunterbrechen und auf die Rhetorik nach Aristoteles beziehen.

Nach einer kurzen Begrüßung baut Trump direkt einen Rahmen für seine Rede auf.

“[…] our country is really headed in the wrong direction with a president who is doing an absolutely terrible job. […] Washington is broken, and our country is in serious trouble and total disarray.  Very simple.  Politicians are all talk, no action.  They are all talk and no action.  And it's constant; it
never ends.”

So legt Trump direkt den Tonus im Pathos seiner Rede: Die amerikanische Politik funktioniert nicht. Gleichzeitig baut er sein Ethos aus, indem er sich von Politikern distanziert und die Politikverdrossenheit des Publikums[15] teilt. Der Name Trump ist in den USA bekannt und wird als Marke für erfolgreiche Geschäfte und Unternehmen wahrgenommen.[16] Viele seiner Argumentationen bauen darauf auf, dass Politiker versagen und nur er als Geschäftsmann das Land noch retten kann.

„I run a big business. […] I have done so many deals.  Almost all of them have been tremendously successful. […] Look, Obama, what did he do?  No deal.  He never did a deal.”

Politiker sind „die Anderen“, nicht aber Trump selbst. Gleichzeitig nutzt er eine Technik, die eigentlich genau dem Gedanken von Ethos widerspricht, ihn hier aber bei der Abgrenzung von klassischen Politikern hilft: Simple Sprache mit kurzen Sätzen und vielen Wiederholungen. Klassischerweise wird eine kompetente Wirkung durch gehobene Sprache und anspruchsvolle Wörter erzeugt. Eine Studie hat gezeigt, dass Donald Trump das sprachliche Niveau eines Viertklässlers führt.[17] Damit spricht Trump nicht die Bildungselite, sondern den „normalen“ Bürger an, an den er häufig auch direkt appelliert und so eine Verbindung aufbaut. Als Geschäftsmann kennt er seine Zielgruppe und ihre Bedürfnisse. Es ist einfach, einer Rede von Trump zu folgen. Er verpackt simple Botschaften in stringente Hauptsätze.[18] Sein Ethos baut auf Verständlichkeit und somit auch Zugehörigkeit.

In einer Mediengesellschaft gehen die Möglichkeiten der Inszenierung eines Redners jedoch über bloße Worte hinaus: So lässt Trump sich z.B. gern vor seinem Flugzeug fotografieren und speist sein Ethos des erfolgreichen Unternehmers so gezielt über die Bildsprache, die in den Medien im Kontext zu seinen politischen Aussagen auftritt (siehe hier).

Trump bedient sich außerdem des Pathos um sein Ethos zu stärken, indem er emotional auf die Unzulänglichkeiten von Politikern hinweist und gleichzeitig sich selbst und seine Ansichten davon distanziert, sodass er als Alternative und potentielle Lösung überbleibt. Die weitere Rede wird zeigen, dass er zu diesem Zweck immer Ethos und Pathos eng miteinander verknüpft nutzt. Hier ein Beispiel, wie er ein konkretes Problem in seiner Rede behandelt:

“Jobs.  China.  I mean I've made so much money fighting against the
Chinese.  One of the best deals I ever did was against the Chinese, and they respect me for it.”

Trump führt mit zwei Schlagwörtern in ein für viele hochemotionales Thema ein, gefolgt von einem Ethos-Statement, dass seine Expertise in dem Gebiet zeigen soll.

“And I know them.  And they say, we can't believe what we're getting away with.  We can't believe how stupid your leaders are.”

Dann geht er direkt in ein Beispiel, ohne vorher das Problem zu erklären. Das Problem ist bereits durch die beiden Schlagwörter am Anfang als vage Bedrohung in den Köpfen des Publikums. In diesem Beispiel spricht er aus eigener Erfahrung (Ethos) und nutzt Formulierungen (getting away with it, stupid) die emotional aktivierend wirken, klassische „Aufreger“.

“[…] especially for the folks here that sell so much--goods, I mean the goods you sell are incredible; […] The Euro, China is going crazy with the devaluation. […] And what it's going to do is make it impossible for you to sell your product; it's going to make it impossible for you to compete.  And they're getting away with it.”

Erst jetzt, wo Trump die innere Haltung des Publikums schon im Griff hat, geht er den Schritt zu den komplizierteren Fakten wie der Entwertung der Konkurrenzwährungen. Er spricht das Publikum direkt an und macht klar, dass es bereits sein bestes tut, um in der Konkurrenz mit ausländischen Produkten zu bestehen. Dennoch sei China eine zu große Bedrohung für die amerikanische Wirtschaft und „kommt damit durch“, eine Formulierung, die den Erfolg Chinas zu einer moralisch zweifelhaften Handlung degradiert.
Trump wiederholt die wichtigsten Punkte in seiner Rede immer wieder, um die imminente Bedrohung in den Köpfen des Publikums zu verankern. Das ist ein sehr geschickter Umgang mit dem Pathos. Mit diesen Worten lässt er das Problem zunächst ungelöst stehen und geht weiter zu Themen wie Irak, Atomwaffen und Obamacare, wo er das gleiche Muster anwendet. Nachdem er durch die Themen gesprungen ist und die Probleme in der jetzigen Politik gezeigt hat, bietet er in sich selbst die Lösung an:

“I built an incredible company. I employ thousands of people and I love doing what I'm doing. I know what needs to be done to make America great again. […] And I am serious thinking of running for president because I can do the job.”

Es fällt auf, dass Trump zwar Ziele angibt, jedoch keine konkreten Ansätze, um dort hin zu kommen. Als erfahrener Verkäufer hält er sich nicht mit langen und komplizierten Argumentationsketten auf, sondern zeigt ein Problem auf, involviert stark emotional und zeigt den Zuhörern dann eine vermeintlich sehr simple Lösung mit einer Versicherung durch den Verweis auf seine Erfahrung als Unternehmer. Ein Rezept, dass auch in der Werbung erfolgreich eingesetzt wird.
Das Publikum ist so erregt, dass es bereitwillig auf eine zwischengeschaltete Argumentationskette (Logos) verzichtet. Wer mit Leidenschaft dabei ist, hält selten länger ein um nachzudenken.

Fazit

Donald Trumps bisherige Ergebnisse bei den US-Vorwahlen sprechen für sich und für die andauernde Nutzung der alten Prinzipien von Aristoteles Rhetorik sowie deren Effektivität im Zusammenspiel. Und damit gleichzeitig auch für die Bewahrheitung von Aristoteles Befürchtung, der Logos würde in Diskussionen von den meisten Menschen zu oft missachtet. Unter einem ethischen Aspekt bleibt Logos wohl das wünschenswerteste der drei Mittel der Überzeugung. Was jedoch die Wirkung angeht, so verlangt das Logos meist Zeit zum Nachdenken und steht Begeisterung damit im Weg, welche aber nun mal der schneller wirkende Faktor zur Überzeugung ist. Außerdem verlangt der Logos eine gewisse Vertrautheit mit der Materie auf beiden Seiten, um den Wahrheitsgehalt zu kontrollieren. Ist dieses Wissen beim Publikum nicht gegeben, muss die mangelnde Kontrollmöglichkeit durch Vertrauen über das Ethos kompensiert werden. Ist ein Vertrauen auf Statements, die man nicht versteht, jedoch erstmal gegeben, ist es für den Redner ein leichtes, fernab von tatsächlichem Logos zu arbeiten und über den direkten Weg des Pathos zur Überzeugung zu gelangen. Auch die Debatten zu Themen wie z.B. Flüchtlingskrise oder EU und der daraus resultierende große Anstieg in der Beliebtheit von konservativen Parteien wie z.B. der AfD zeigen, dass Unsicherheit stets guter Nährboden für Pathos ist. Ein starkes Pathos, das Hilfesuchende in Richtung eines gut präsentierten Ethos kanalisiert, scheint oft deutlich effektiver zu sein als lupenreine Argumentation. 

 

Janik Pahl (Auszug aus der Hausarbeit 2016
zu Kommunikationstheorien im Fach Public Relations)

 

Literatur

Ackrill, John L. Aristoteles: eine Einführung in sein Philosophieren. Berlin: Walter de Gruyter, 1985.

Appleman, Eric M. Democracy in Action. 2015. http://www.p2016.org/ (Zugriff am 16. 04 2016).

Aristoteles. Aristotle in 23 Volumes, Vol. 22. Übersetzung: J.H. Freese. Bd. 22. 23 Bde. Cambridge: Harvard University Press, 1926.

—. Rhetoric. Übersetzung: J. H. Freese. Bd. 22. 23 Bde. Cambridge und London: Harvard University Press, 1926. Abgerufen unter: http://www.perseus.tufts.edu/ (Zugriff am 06.05.2016)

Burton, Gideon O. Silva Rhetoricae. 2015. http://rhetoric.byu.edu/ (Zugriff am 27. 03 2016).

CNN/ORC. CNN/ORC poll on views of government. 29. 12 2015.

Famous-Entrepreneurs.com. Famous Entrepreneurs. 2016. http://www.famous-entrepreneurs.com/donald-trump (Zugriff am 16. 04 2016).

Goldhill, Olivia. QUARTZ. 10. 10 2015. http://qz.com/ (Zugriff am 06. 05 2016).

Möller, Peter. philolex.de. 13. August 2015. http://www.philolex.de/ (Zugriff am 27. 03 2016).

Nerdwriter1. YouTube. 30. 12 2015. https://www.youtube.com/ (Zugriff am 16. 04 2016).

PathosLogosEthos. 2015. http://pathosethoslogos.com/ (Zugriff am 27. 03 2016).

Politico LLC. Politico. 2016. http://www.politico.com/ (Zugriff am 16. 04 2016).

Stanford University. The Stanford Encyclopedia of Philosophy. 2014. http://plato.stanford.edu/ (Zugriff am 27. 03 2016).

Viser, Matt. Bosten Globe. 20. 10 2015. http://www.bostonglobe.com (Zugriff am 16. 04 2016).


[1]           Foto: “Donald Trump speaking with supporters at a campaign rally at the South Point Arena in Las Vegas, Nevada in 2016” by Gage Skidmore; Quelle: Wikimedia.org
[2]           Möller 2015
[3]           Aristoteles, Aristotle in 23 Volumes, Vol. 22 1926
[4]           Stanford University 2014, Kap. 5
[5]           ebenda, Kap 5 a)
[6]           PathosLogosEthos 2015
[7]           Stanford University 2014, Kap. 5 b)
[8]           PathosLogosEthos 2015
[9]           Burton 2015, The persuasive appeal: Logos
[10]          Goldhill 2015
[11]          PathosLogosEthos 2015
[12]          Goldhill 2015
[13]          Politico LLC 2016
[14]          Appleman 2015
[15]          CNN/ORC 2015, 12
[16]          Famous-Entrepreneurs.com 2016
[17]          Viser 2015
[18]          Nerdwriter1 2015

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